Budapester Alltagsgeschichten: Warum sicher nicht gleich sicher ist
Dienstag, den 30. Juni 2009 von marianne lang
Es hat ein bisschen gedauert, bis ich es glauben konnte. Den USB-Stick einfach so an den Computer anstecken und O-Töne hin- und herschieben geht nicht. Zumindest nicht in der Redaktion des MR1 Radios in Budapest. Dafür braucht man eine Genehmigung und muss unterschreiben. Alles genau eintragen, warum man was machen will. Aber machen darf man es dann erst nicht selbst. Nur die Dame im ominösen Zimmer Nummer 12. Sie hat die Vollmacht über den Datentransport. Den ganzen Tag sitzt sie in ihrem kleinen Kämmerchen und konvertiert Files, transferiert Interview-Schnipsel von A nach B und sammelt Unterschriften. Aber nicht etwa, um Mastgänse vor dem grausamen Tod zu retten, sondern, um alles genau nachverfolgen zu können. Woher dieses Misstrauen gegen die eigenen Mitarbeiter kommt, konnten mir die Kollegen nicht erklären. „Angst vor Viren“, meinte der eine. „Sicherung gewisser Urheberrechte“, der andere. Doch könnte man all das nicht auch anders lösen? Mit Virenscannern und sonstigem Technik-Schnickschnack zum Beispiel? Mir erscheint der übertriebene Kontrollzwang eher wie ein Überbleibsel des sozialistischen Beamtenapparates, wo jeder verdächtig war. Trotz massiver Sicherheitsvorkehrungen gegen die eigenen Mitarbeiter hat irgendwer oder irgendetwas es vor kurzem geschafft das Internet lahm zu legen. In der gesamten Redaktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gab es einen ganzen Tag lang kein Netz. Keine Möglichkeit zur Online-Recherche oder zur Beantwortung von wichtigen Emails. Die Dame in Zimmer 12 wusste auch keinen Rat. Also mussten die Kollegen ihren Arbeitsplatz kurzerhand in den Coffee-Shop ums Eck verlegen, wo das Internet gratis zum Kaffee mitgeliefert wird. Ohne Unterschrift. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich es glauben konnte.
Marianne Lang, Wien/Budapest